Ratgeber · Messtechnik

Dezibel messen mit dem Handy: Wie genau ist das?

Ein Smartphone hat ein gutes Mikrofon – aber ist es auch ein Schallpegelmesser? Die ehrliche Antwort: Für Vergleiche erstaunlich gut, für absolute Werte mit Einschränkungen. Was die Genauigkeit bestimmt, wie dB Ride die größte Fehlerquelle umgeht und wie du kalibrierst.

10 von 130+iOS-Apps erfüllten 2014 die Auswahlkriterien einer NIOSH-Studie
±2 dB(A)Genauigkeitskriterium der NIOSH-Studie gegenüber einem Referenzmessgerät
±15 dBKalibrier-Offset in dB Ride, einstellbar in 0,5-dB-Schritten

Kann das Handy überhaupt Dezibel messen?

Ja. Das Mikrofon wandelt Schalldruck in ein elektrisches Signal, die App berechnet daraus den Schallpegel in dB. Das Problem liegt woanders: Smartphone-Mikrofone sind für Sprache optimiert, nicht für Messtechnik. Sie sind nicht geeicht, unterscheiden sich von Modell zu Modell, und das Betriebssystem bearbeitet das Signal, bevor eine App es sieht.

Wie gut es trotzdem gehen kann, hat das US-Institut für Arbeitsschutz NIOSH untersucht. Kardous und Shaw testeten 2014 Messapps im Hallraum mit Rauschen zwischen 65 und 95 dB gegen ein Referenzmikrofon. Von über 130 geprüften iOS-Apps erfüllten 10 die Auswahlkriterien, einige davon lagen im Mittel innerhalb von ±2 dB(A). Bei Android fanden die Autoren große Unterschiede zwischen Geräten – wegen der vielen verschiedenen Mikrofone und Audio-Bauteile.

Die größte Fehlerquelle: automatische Pegelregelung

Für Telefonate und Sprachaufnahmen regeln Smartphones den Pegel automatisch (AGC, Automatic Gain Control): Leise Stimmen werden angehoben, laute abgesenkt. Für eine Messung ist das fatal – die App sieht dann bei 60 und bei 80 dB fast dasselbe Signal. Dazu kommt die Rauschunterdrückung, die gleichmäßiges Rauschen herausfiltert. Genau das ist aber Fahrgeräusch.

Wie dB Ride das umgeht

  • Android: dB Ride nutzt die unbearbeitete Mikrofonquelle, wenn das Gerät sie anbietet, sonst eine Quelle mit möglichst wenig Vorverarbeitung. Automatische Pegelregelung und Rauschunterdrückung werden zusätzlich abgeschaltet, sofern das Gerät das zulässt.
  • iOS: Die Audiositzung läuft im Messmodus, der die Sprachverarbeitung des Systems umgeht.
  • Echte A- und C-Bewertung: Die Frequenzbewertung wird als Filter nach IEC 61672 auf das Signal angewendet, nicht als pauschaler Abzug.
  • Übersteuerung: Erreicht das Signal die Grenze des Mikrofons, zeigt die App einen Hinweis.

Wo die Grenzen liegen

  • Frequenzgang: Handymikrofone erfassen sehr tiefe und sehr hohe Frequenzen weniger genau. Tiefes Dröhnen kann daher unterschätzt werden.
  • Sehr hohe Pegel: Ab etwa 90–100 dB übersteuern manche Mikrofone. Werte in diesem Bereich – etwa unter dem Motorradhelm – mit Vorsicht lesen.
  • Wind am Mikrofon: Luftzug direkt am Mikrofon erzeugt Störgeräusche. Fenster zu, Lüftung aus, Handy nicht in den Luftstrom legen.
  • Hülle und Position: Eine Hülle, die das Mikrofon verdeckt, oder ein anderer Messort verändern das Ergebnis um mehrere dB.

Kalibrieren: so geht's

Ohne Kalibrierung können die absoluten Werte je nach Gerät um einige dB danebenliegen. Mit einer Referenz lässt sich das ausgleichen:

  1. Referenz besorgen

    Ideal ist ein geeichter Schallpegelmesser. Eine Alternative auf dem iPhone ist die kostenlose NIOSH-SLM-App, die NIOSH im eigenen Labor geprüft hat.

  2. Gleichzeitig messen

    Beide Geräte nebeneinander, Mikrofone in dieselbe Richtung, ein gleichmäßiges Geräusch wie Rauschen oder ein Lüfter, beide in dB(A).

  3. Offset einstellen

    In den Einstellungen von dB Ride die Differenz als Kalibrier-Offset eintragen – bis ±15 dB in 0,5-dB-Schritten.

Wofür die Werte taugen – und wofür nicht

Am stärksten ist das Handy bei Vergleichen mit demselben Gerät an derselben Position: Reifen alt gegen neu, vorher gegen nachher gedämmt, 100 gegen 130 km/h. Gerätebedingte Abweichungen fallen dann weitgehend heraus. Die Dezibel-Tabelle hilft beim Einordnen. Für amtliche Messungen, Gutachten oder Nachweise gegenüber Behörden ist eine App nicht geeignet – dafür braucht es geeichte Messgeräte und genormte Verfahren.

Unser Anspruch:

dB Ride ist kein geeichtes Messgerät und behauptet das auch nicht. Die App ist dafür gebaut, Fahrgeräusche reproduzierbar zu messen und fair zu vergleichen – mit GPS-Tempo zu jedem Wert.

Häufige Fragen

Wie genau misst ein Handy Dezibel?

Ohne Kalibrierung können die absoluten Werte je nach Gerät um einige dB abweichen. In einer NIOSH-Studie von 2014 lagen die besten iOS-Apps im Labor innerhalb von ±2 dB(A) eines Referenzgeräts. Für Vergleiche mit demselben Handy sind die Werte deutlich aussagekräftiger als für absolute Angaben.

Warum zeigen verschiedene Apps unterschiedliche Werte?

Weil Mikrofonquelle, Signalverarbeitung, Frequenzbewertung und Kalibrierung unterschiedlich sind. Nutzt eine App die automatische Pegelregelung des Systems, werden Pegelunterschiede stark verkleinert.

Wie kalibriere ich dB Ride?

Miss gleichzeitig mit einem Referenzgerät, etwa einem geeichten Schallpegelmesser oder der NIOSH-SLM-App auf dem iPhone, und trage die Differenz als Kalibrier-Offset ein. Möglich sind ±15 dB in 0,5-dB-Schritten.

Sind Handy-Messungen rechtlich verwertbar?

Nein. Für amtliche Messungen und Gutachten braucht es geeichte Messgeräte und genormte Verfahren. Handy-Messungen eignen sich zur Orientierung und für eigene Vorher/Nachher-Vergleiche.

Miss selbst nach – mit offenen Karten.

dB Ride ist kostenlos für Android und iOS. Messen, Lautstärke nach Tempo, Karte und Vergleich zweier Messungen sind gratis; Premium (Einmalkauf, kein Abo) entfernt die Werbung und schaltet Export und Vergleiche mit bis zu 8 Messungen frei.

Quellen & Einordnung

  • Kardous, C. A.; Shaw, P. B. (2014): Evaluation of smartphone sound measurement applications. J. Acoust. Soc. Am. 135(4), EL186–EL192 – doi.org/10.1121/1.4865269, frei lesbar bei PubMed Central
  • NIOSH: New NIOSH Sound Level Meter App (iOS) – cdc.gov
  • IEC 61672-1: Elektroakustik – Schallpegelmesser (Definition der Frequenzbewertungen A und C).
  • Technische Angaben zu dB Ride (Mikrofonquelle, Filter, Kalibrier-Offset): eastfreak Studios.