Ratgeber · Reifen

Abrollgeräusche messen: Sind die neuen Reifen wirklich leiser?

Neue Reifen drauf und plötzlich wirkt das Auto leiser – oder lauter? Das Gefühl täuscht oft. Mit einem eigenen Abrollgeräusch-Test – sauber vorher und nachher gemessen – weißt du es genau. So gehst du vor.

60–70 dB(A)grobe Spannbreite im Pkw-Innenraum bei 100 km/h
65–75 dB(A)grobe Spannbreite bei 130 km/h
+3 dBdoppelte Schallenergie – deutlich hörbar

Warum Reifen so viel ausmachen

Bei modernen Autos ist das Reifen-Fahrbahn-Geräusch schon bei mittlerem Tempo meist lauter als der Antrieb. Bei Autobahntempo kommt der Wind dazu, aber das tiefe Rauschen und Brummen, das du auf der Landstraße hörst, stammt zu einem großen Teil von den Reifen. Entsprechend groß kann der Unterschied zwischen zwei Reifensätzen sein: Profil, Gummimischung, Reifenbreite, Flankenhöhe und Verschleiß spielen alle eine Rolle.

Winterreifen sind wegen ihres gröberen Profils und der vielen Lamellen häufig etwas lauter als Sommerreifen – aber eben nicht immer. Auch zwischen zwei Sommerreifen derselben Größe können hörbare Unterschiede liegen. Und ein abgefahrener Reifen mit unregelmäßigem Verschleiß (Sägezahnbildung) kann deutlich lauter abrollen als derselbe Reifen im Neuzustand.

Was das EU-Reifenlabel sagt – und was nicht

Auf dem EU-Reifenlabel steht das externe Rollgeräusch in dB plus eine Klasse von A bis C (Verordnung (EU) 2020/740). Gemessen wird es außerhalb des Fahrzeugs bei einer genormten Vorbeifahrt. Das ist ein guter Anhaltspunkt, sagt aber nicht direkt, wie laut es in deinem Auto wird: Wie viel Geräusch im Innenraum ankommt, hängt auch davon ab, wie der Reifen mit Fahrwerk und Karosserie zusammenspielt, welche Frequenzen er erzeugt und wie gut dein Auto gedämmt ist. Deshalb lohnt sich die eigene Messung.

So misst du richtig

Der wichtigste Grundsatz: Ändere nur eine Sache – die Reifen. Alles andere muss bei beiden Messungen so gleich wie möglich sein.

  • Gleiche Strecke, gleicher Belag. Der Straßenbelag kann mehr ausmachen als der Reifenwechsel. Grober Asphalt, Betonplatten und lärmarmer Asphalt klingen völlig unterschiedlich. Wähle einen Abschnitt mit einheitlichem Belag und fahre ihn immer wieder.
  • Gleiches Tempo. Nutze den Tempomaten und miss bei konstanten Geschwindigkeiten, zum Beispiel 50, 100 und 130 km/h.
  • Handy fest an gleicher Position. In einer Halterung oder fest in der Mittelkonsole, nie in der Hand. Das Mikrofon darf nicht verdeckt sein.
  • Fenster zu, Lüftung aus (oder auf exakt derselben Stufe), Radio aus, nicht sprechen.
  • Trockene Fahrbahn. Eine nasse Straße ist deutlich lauter. Auch starker Wind verfälscht das Ergebnis.
  • Gleicher Reifendruck laut Herstellerangabe, gleiche Beladung.
  • Neue Reifen einfahren. Frisch montierte Reifen erst ein paar hundert Kilometer fahren, bevor du final misst.
  • Mehrere Durchläufe. Mindestens drei pro Reifensatz, am besten in beide Richtungen, und dann die Mittelwerte vergleichen.

Schritt für Schritt mit dB Ride

  1. Teststrecke festlegen

    Ein Abschnitt Landstraße oder Autobahn mit einheitlichem Belag und wenig Verkehr, auf dem du das Zieltempo halten kannst.

  2. Handy befestigen, dB(A) wählen

    In den Einstellungen die A-Bewertung aktivieren. Wenn dich tiefes Brummen interessiert, mach zusätzliche Läufe in dB(C).

  3. Vor der Abfahrt starten

    Aufnahme im Stand starten, losfahren, konstant fahren. Beim Speichern einen eindeutigen Namen vergeben, z. B. „Sommerreifen – Lauf 1“.

  4. Nach dem Reifenwechsel wiederholen

    Gleiche Strecke, gleiche Tempi, gleiche Bedingungen – wieder mehrere Läufe.

  5. Vergleichen

    Wähle die Messungen in der Übersicht aus und vergleiche sie. Entscheidend ist die Tabelle „Lautstärke nach Tempo“: Sie zeigt, in welchem Geschwindigkeitsbereich der neue Reifen leiser oder lauter ist. Mit Premium vergleichst du bis zu 8 Läufe und exportierst alles als CSV oder PDF.

Auswertung in dB Ride: Verlauf von Pegel und Tempo sowie Tabelle Lautstärke nach Geschwindigkeit
„Lautstärke nach Tempo“: der Durchschnittspegel je Geschwindigkeitsbereich – ideal für den Reifenvergleich.

Ergebnisse richtig lesen

Ein Unterschied von 1 dB ist im Alltag kaum wahrnehmbar. Ab etwa 3 dB – das entspricht einer Verdopplung der Schallenergie – hört man den Unterschied deutlich; 10 dB mehr empfindet man ungefähr als doppelt so laut. Schwanken deine Läufe untereinander schon um 2 dB, ist ein Unterschied von 1 dB zwischen den Reifensätzen nicht belastbar. Dann helfen mehr Durchläufe oder eine ruhigere Teststrecke.

Wenn der Pegel bei einem Reifen vor allem in einem bestimmten Tempobereich höher ist, kann das an Resonanzen liegen. Wird es dagegen mit jedem km/h gleichmäßig lauter, steckt meist schlicht mehr Rollgeräusch dahinter. Auch beim Unterscheiden von Wind- und Reifengeräuschen hilft die Tempo-Auswertung. Wo dein Auto im Vergleich zu anderen liegt, zeigt die Innengeräusch-Tabelle.

Ehrlich gesagt:

Ein Handymikrofon ist kein geeichtes Schallpegelmessgerät. Je nach Modell können die absoluten Werte um einige dB abweichen, und sehr hohe Pegel werden nicht von jedem Gerät sauber erfasst. Für Vorher/Nachher-Vergleiche mit demselben Handy an derselben Position sind die Werte aber sehr aussagekräftig – genau dafür ist dB Ride gemacht. Hast du ein Referenzgerät, kannst du in den Einstellungen einen Kalibrier-Offset setzen. Mehr dazu: Wie genau misst das Handy?

Häufige Fragen

Sind Winterreifen lauter als Sommerreifen?

Häufig ja, weil das gröbere Profil mit vielen Lamellen mehr Geräusch erzeugt. Es gibt aber leise Winterreifen und laute Sommerreifen – am Ende hilft nur der direkte Vergleich auf derselben Strecke.

Wie viel dB Unterschied zwischen Reifen ist realistisch?

Im Innenraum liegen die Unterschiede zwischen zwei ähnlichen Reifen oft bei wenigen dB. Das klingt wenig, ist aber relevant: 3 dB entsprechen bereits der doppelten Schallenergie und sind deutlich hörbar.

Reifen oder Radlager – wie erkenne ich die Ursache?

Reifengeräusche ändern sich stark mit dem Straßenbelag. Ein defektes Radlager brummt meist tempoabhängig und verändert sich oft in Kurven, wenn das Lager be- oder entlastet wird. Die Messung mit „Lautstärke nach Tempo“ hilft beim Dokumentieren – die Diagnose gehört aber in die Werkstatt. Mehr dazu: Abrollgeräusch – Reifen oder Radlager?

Kann ich mit der App das Reifenlabel nachmessen?

Nein. Der Labelwert wird außen bei einer genormten Vorbeifahrt ermittelt. dB Ride misst, was in deinem Auto ankommt – und das ist für dich meist die interessantere Zahl.

Miss selbst nach – statt zu raten.

dB Ride ist kostenlos für Android und iOS. Messen, Lautstärke nach Tempo, Karte und Vergleich zweier Messungen sind gratis; Premium (Einmalkauf, kein Abo) entfernt die Werbung und schaltet Export und große Vergleiche frei.

Quellen & Einordnung

  • Verordnung (EU) 2020/740 über die Kennzeichnung von Reifen (EU-Reifenlabel) – eur-lex.europa.eu
  • Spannbreiten der Innengeräusche: Größenordnung aus Innengeräuschmessungen in Testberichten der Autofachpresse (z. B. auto motor und sport, AUTO BILD); einzelne Fahrzeuge liegen auch darüber oder darunter.
  • Wahrnehmung von Pegelunterschieden (1 / 3 / 10 dB): allgemeine Grundlagen der Akustik.